Andrea Ostermeyer
Sleeping on your side III
26.04. – 24.05.1998

Andrea Ostermeyer erweitert die Topologie der modernen Plastik (die Erforschung der Lage und der Gestalt geometrischer bzw. räumlicher Figuren) um eine topographische Ästhetik (die Vermaßung und Erforschung der Beziehungen der Figuren zueinander und zu uns). In den Ausstellungen der Künstlerin fällt auf, daß ihre Dinge, die Körper, die Wesen kaum je einzeln auftreten; sie liegen, stehen und hängen in Gruppen; sie makieren letztendlich gar den Zwischenraum als Bedeutungsraum, in dem die Betrachter sich bewegen. Die Werkgruppen verweisen wiederum aufeinander, stellen ihre oberflächliche Wirkung gegenseitig in Frage und relativieren den jeweiligen sinnlichen Zusammenhang – sie arbeiten gegeneinander, um – über den Moment der Irritation hinaus – das eigenen Bedeutungssystem Kunst, dessen (terminologische) Geschlossenheit gelegentlich einem Gefängnis ähnelt, in Schwingung zu bringen, in Bewegung zu setzen: mögliche Sinneszusammenhänge werden entworfen, deren Gesatlt der betrachter bestimmt. Es bleibt kaum Zeit, die verlorene Unschuld der modernen und der zeitgenössischen Plastik zu betrauern: zu aufregend ist der Puls der freigesetzten Erlebnis-Energie, zu verlockend der Gang in neue Gebiete, deren Reiz im Verstehen des Noch-Nicht-Verstandenen liegt.
Die neuen Territorien der Wahrnehmung, welche die Künstlerin mit ihren Werken besetzt, bleiben frei. Ihre Unabhängigkeit beweist sich in der Abwesenheit von formalen und inhaltlichen Mustern; letztendlich nimmt die Künstlerin sie nsicht in besitz – sie biete Wege an, auf denen wir die oft betretenen Korridore der Wahrnehmung verlassen können. Und hier ergibt sich eine der Aufmerksamkeit würdige Parallele zu der Erscheinungsform der einzelnen Arbeiten: das Material, die Form, die Farbelegt sich oft um eine leere Mitte; ein Luft- und Lichtraum wird eingefast, ohne seine ontologische Grenzenlosigkeit zu verlieren (vgl. die Chicks). Es handelt sich aber darbei keinswegs um Hohlkörper, deren Innenraum leer und sinnlos ist, sindern um einen wie von einer Haut umschriebenen, gelegentlich extrem komprimierten Raum, der aktiv ist (vibriert) und der sowohl realen Raum schluckt als auch Raum zum Atmen schafft – die Arbeiten Andrea Ostermeyers realisieren den Begriff Körper, tatsächlic werden der erweiterte und der verdrängte Raum, der raum der kunst und jener des Lebens als materielle Sinnlichkeit gezeigt und geschützt.
Roland Scotti, Köln, Oktober 1996

Die Ausstellung wird kuratiert von Ralph Hinz.