Christian Helwing
Kunsthalle
09.09 – 28.10.2007

Unter dem Titel “Kunsthalle” präsentiert der Kunstverein Bremerhaven Arbeiten von Christian Helwing, die in situ entstanden sind. Es ist die erste institutionelle Einzelausstellung des in Bremen lebenden Künstlers. Seine Arbeiten oszillieren zwischen Kunst und Architektur, sind weder das eine noch das andere, bewegen sich an der Schnittstelle dieser Bereiche und loten die Grenzen aus. Die seinen Arbeiten innewohnende Ambivalenz markiert die zentralen Fragestellungen: Wann wird ein architektonischer Eingriff zu Kunst, wann wird ein ästhetischer
Eingriff zu Architektur. Christian Helwing spricht in diesem Kontext von plastischen Einbauten. Einbauten, die eine architektonische Integration suchen und gleichermaßen skulpturale Eigenstän-digkeit betonen. Keineswegs sind die vorgenommenen baulichen Veränderungen getragen aus dem Blickwinkel eines Architekten, sondern Statements eines Künstlers zu architektonisch definierten Ausstellungsräumen. Ambivalenzen und Paradoxien machen im wesentlichen die Grammatik seiner Arbeiten aus.

Zwar sind seine Arbeiten in ihrer Form und Präsenz der Minimal Art verwandt, dennoch kann sich Christian Helwing hiervon eindrucksvoll lösen. Seine Arbeiten reflektieren Architektur als Ort menschlichen Lebens und wollen keineswegs nur sein und nichts bedeuten. Indem den plastischen Einbauten eine Funktion zugewiesen wird, die als natürlichen Maßstab den umherwandelnden Menschen in einer Ausstellung als Bezugspunkt nimmt, verlässt Helwing die klassische Definition des Minimalismus. Somit wird die Identität von Form und Inhalt aufgelöst.

Die Räume, auf die sich seine Arbeiten beziehen, werden nicht nur in ihrer spezifischen Architektur betrachtet. Stets interessieren neben den architektonischen Gegebenheiten weitere Funktionen wie soziale, repräsentative oder historische. Zum Beispiel die Arbeit “4 Meter 60 nach Hause gehen” (2007) - sein Beitrag zur Bremer Förderpreisausstellung in der Städtischen Galerie. Der Realraum wird in seinen verschiedenen Funktionen zum Gegenstand der Arbeit: Ausstellungsraum und Durchgangsraum. Oder “Wohnung Felix Rehfeld” (2006). Auch hier werden die verschiedenen Funktionen einer räumlichen Situation thematisiert. Diese Arbeiten belegen, dass Helwing den Spa-gat zwischen Kunst und Architektur beherrscht, und es ihm gelingt, die verschiedenen Funktionen von Örtlichkeiten miteinander zu verschränken.

In Bremerhaven sind nicht die separaten Räume der Kunsthalle Ausgangspunkt seiner plastischen Einbauten, sondern die Kunsthalle in ihrer Gesamtheit. Die funktional zu unterscheidenden Räume der Kunsthalle als Ganzes sind Thema seiner Ausstellung. Räume mit unterschiedlichen Funktio-nen, Räume unterschiedlicher Größe und Höhe, mit unterschiedlichen Böden und Decken. Seine skulpturalen Setzungen zielen auf eine Offenlegung funktionaler und sozialer Zusammenhänge ei-nes speziellen Ortes: der Kunsthalle Bremerhaven. So entwickelt er für die vorgefundenen Räume mit ihren verschiedenen Funktionen ein Gesamtkonzept.

Im allgemeinen fungieren Grundrisse des Architekten als Orientierungshilfe für den ausstellenden Künstler: wo sind Freiflächen, wo können Bilder gehängt, Skulpturen gestellt werden, wie wirken die Lichtverhältnisse? Auch Christian Helwing orientiert sich am Plan des Architekten, denkt je-doch in einer entgegengesetzten Richtung weiter. Die Kunsthalle wird durch sich selbst besetzt. Große Ausstellungshalle, graphisches Kabinett, Kassenhaus, Empore, Flur, Laufwege und Foyer werden zum Gegenstand seiner skulpturalen Intervention.

Weder sind seine Arbeiten konkrete Abbilder tatsächlicher Räume noch zielen sie auf eine Miniatu-risierung realer Größen, weder sind sie Modell von etwas noch Modell für etwas. Sie sind Archi-tektur und Skulptur gleichermaßen. In seinem Werk verdichten sich ästhetische, architektonische und soziale Funktionen. So entsteht eine ganz eigene Sprache, deren Referenzrahmen zwischen Kunst und Architektur angesiedelt ist.

Joachim Kreibohm

Kuratiert von Thomas Trümper.