Florian Thomas
Malerei
27.11.2005 – 01.01.2006

Begegnet man Arbeiten von Florian Thomas z.B. auf einer Kunstmesse, kann es leicht passieren, daß die gegenständlichen und die ungegenständlichen Motive verschiedenen Autoren zugewiesen werden. Auf dem Weg zu einem besseren Verständnis, zur Beantwortung der Frage nach der gemeinsamen Quelle für die auf den ersten Blick so gänzlich verschiedenen Bildkompositionen, können wir zwei sehr unterschiedliche Orientierungsmarken ausmachen: die späten Gemälde des radikalen Malers Günter Fruhtrunk (1923-1982) und die Interieurs des englischen Pop-Künstlers Richard Hamilton (geb.1922). Seit 1992 gibt es großformatige Gemälde, die fast immer aus vertikal gegliederten Farbfeldern bestehen, die z. T. von exakt geometrisch angelegten senkrechten Linien getrennt werden. Ein gemeinsames Merkmal dieser Kompositionen ist in jedem Fall die lasierend dünn aufgetragene Acrylfarbe.
Mit ihr hat Florian Thomas eine vorsichtige Balance hergestellt, die zwischen »konkreter Malerei« (Fruhtrunk) und illusionärem Tiefenraum ein sehr eigenes Spiel entfaltet: ein Spiel von “Zur-Erscheinung-bringen” und wie-der mit einem halbdurchsichtigen Schleier Verstecken. Zwar sind die geometrisch angelegten, aber sehr offen malerisch transparent gestalteten Farbfelder immer wieder von störenden, manchmal auch quer durch das Bild gehenden Elementen durchbrochen. Insgesamt bleibt jedoch die klare Aufteilung erhalten. In diesen Bildern wird der Betrachter immer wieder auf die reine Physikalität der farbig gestalteten Flächen zurückgeworfen. In seinen neueren großformatigen Bildertafeln riskiert Florian Thomas den Einsatz des ganzen Spektrums des Farbkreises. Stärker als früher läßt er die Farbe laufen, wohin sie will.
Dieses zunehmende Element der Freiheit bei der Herstellung der Bilder, das Zulassen zufälliger Bildfaktoren einschließlich der eigenen Stimmung, hat vielleicht dazu beigetragen, daß neben das Muster der Farbdialoge mit ihren unter-schiedlichen Tiefenräumen das Muster bestimmter fotografischer Bildvorlagen trat. Seit sieben bis acht Jahren tauchen gefundene Vorlagen von Postkarten, aus Zeitschriften und Bildbänden, z.B. über Südafrika aus den siebziger Jahren als unmittelbare Vorlagen für neue Bilder auf. Bei der Auswahl der Motive tritt ein geschultes Sensorium in Aktion, das einerseits seine Prägung durch die eigenen abstrakten Bildkompositionen er-halten hat.
Andererseits wird ein tiefer liegendes Bildgefühl aktiviert, das seine Wurzeln in sentimentalen Erinnerungen und selbstvergessenem Augenspiel hat. Bei der Inszenierung dieser fotografisch reproduzierten Bildwelten muß sich der Künstler auf seine Intuition verlassen, es gibt keine klaren Handlungsanweisungen. Ziel ist das paradoxe Verlangen, Bilder hervorzubringen und sie gleichzeitig wieder zu verstecken, sie wieder in ihrer Eindeutigkeit unsichtbar machen. Die nach Fotovorlagen konzipierten Gemälde sind stillgestellte Bilder im Ablauf einer Ge-schichte, die den zweiten Blick auf eine nachzuempfindende Situation imaginieren, ohne die Logik ihrer Entstehung zu berühren. Bei genauerem Betrachten sieht man auf den Bildern eigentlich nichts, d.h. man blickt in den Abgrund, der sich als Zwischenraum eines einem möglichen erinnerten Geschehens und seiner Rekonstruktion auftut. Florian Thomas verläßt sich auf das Glück des Flaneurs, der beiläufig auf unentdeckte Alltäglichkeiten, Gehäuse der Sehnsucht, stößt, die er mit der Kamera oder Gemälden zu wirklichen Bildern formt. Die Wahl des Ausschnittes oder die klassische Technik des zugekniffenen Auges sind wesentliche Hilfsmittel auf dem Wege der Bildentstehung. Auf der Basis der ungegenständlichen Bilder mit den verlaufenen Acrylfarbbahnen komponiert Florian Thomas eine Malerei, die die Wirklichkeit wie mit einem Schleier versieht und dadurch – paradox-erweise sie der Erinnerung und damit auch der Reflexion zugänglich macht. Das private Foto, der “unvergeßliche Blick³, wird vergrößert auf das Format einer klassischen Filmwerbung, seiner Privatheit beraubt, es wird allgemein zugänglich. Durch seine Übersetzung, Übertragung in Malerei verliert es seine Direktheit und vor allem seine Eingebundenheit in eine schnell vorgetragene Geschichte. Es bekommt einen neuen Kontext zugewiesen. Die Anreicherung mit einer neuen Aura macht es wieder der - verloren gegangenen - Erfahrung zugänglich. Malerei als eine besondere Form des Denkens öffnet die durch zu schnellen Bilderdurchschuß verschlissenen und zugeklebten Wahrnehmungsorgane. Sie trägt ganz wesentlich dazu bei, den Kommunikationsstrom zu verlangsamen und damit die Voraussetzung zu etablieren, menschliche Erfahrungen von Orten, Stimmungen und besonderen Situationen neu zu gewinnen. Florian Thomas Bilder erschließen das Glück der Wahrnehmung, das sich ein-stellt, wenn bei der Betrachtung jede zielgerichtete Intention verloren geht und plötzlich das Auge allein den Weg ins Paradies findet.

Ulrich Bischoff

Kuratiert von Thomas Trümper.