Gregor Schneider
Totes Haus ur
19.12.1999 – 23.01.2000
Der Kunstmarkt hungert nach neuen künstlerischen Positionen. Galerien, Kunstverein und Museen zeigen zeitgenössische Kunst in großer Fülle, schnelle Medien wie Fotografie, Video, Internet und Events bestimmen das Bild. Entgegen diesem Main¬stream hat sich außerhalb von Galerien und Museen Gregor Schneider mit seiner sperrigen, unausstellbaren, praktisch unverkäuflichen, jedoch akribischen, unermüdlichen und intensiven Arbeit einen Namen gemacht. Seit über zehn Jahren baut der 1969 im nordrheinwestphälischen Rheydt geborene Schneider ein Haus in seinem Heimatort um, das „Tote Haus ur“. Von außen unsichtbar, wird das Haus nach innen verdichtet. Gregor Schneider zieht Wände vor Wände, verdoppelt und verschiebt, hängt neue Decken unter alte, umbaut und verwandelt, schafft Zwischenräume und neue Räume, die den ursprünglich vorhandenen Räumen zum verwechseln ähnlich sind. Seit über zehn Jahren beschäftigt sich Gregor Schneider auf diese Weise mit Räumen, beziehungsweise mit dem Raum. Er baut Räume nach oder baut sie um, er baut sie auch wieder aus, zum Beispiel für Ausstellungszwecke. Er setzt neue Wände, Türen, Fenster, Decken, baut isolierte Räume, doch das sichtbare Ergebnis bleibt insofern ungreifbar, weil nicht nachvollziehbar ist, ob ein Raum oder eine Wand nicht schon vorher da war oder hätte da sein können. Da findet man sich in einem Zimmer wieder, der Kaffeetisch ist gedeckt, der Raum scheint zum ursprünglichen Grundriß des Hauses zu gehören, doch nichts ist wie es scheint. Die Wände sind nachträglich eingebaut. Hinter dem scheinbaren Außenfenster steht nur eine andere Wand, das scheinbare Tageslicht erzeugt eine Lampe. Unheimliches ist auf diese Weise entstanden, ein unergründliches Labyrinth toter Räume und Zwischenräume, in denen sich Reste nicht gebrauchter Materialien, Fotos, alte Einbauten, gleich Zeugnissen eines anderen Lebens wiederderfinden.
Die Zeitschrift ART bezeichnete Gregor Schneider unlängst als den bemerkenswertesten deutschen Künstler des Jahres 1998. Inzwischen haben seine Arbeiten auch Eingang in die Museen gehalten. Ausstellungen in der Konrad Fischer Galerie in Düsseldorf und dem Museum Haus Lange in Krefeld, in der Kunsthalle Bern, dem Künstlerhaus Stuttgart, dem Kunstmuseum und dem Kunstverein in Bonn, im Portikus in Frankfurt, sowie in einer Reihe weiterer Kunstvereine und –museen folgten Einzel- und Gruppenausstellungen in Tokio, Amsterdam, London, Warschau, Paris, Aarhus Maastrich, Milano oder Wien. Zur Zeit wird eine Ausstellung im Carnegie Museum of Art in Pittsburg, USA, vorbereitet. Im vergangenen Jahr war Schneider Stipendiat des Vereins KUNST & NUTZEN in Bremerhaven. Die Ausstellung in der Kunsthalle bildet den Abschluß seines Stipendienjahres. Gezeigt werden rund 250 Fotos und Amateurvideos, die einen Einblick in seine komplexe Arbeit geben. Die Fotos sind eigenständige Arbeiten, wobei Gregor Schneider zwischen den sogenannten „weißen“ Aufnahmen, die einen fertigen, statischen Raum zeigen, und den „schwarzen“, die narrativen Charakter haben unterscheidet. Zeitgleich zu der Ausstellung in der Kunsthalle wird im Kabinett für aktuelle Kunst eine weitere Ausstellung von Gregor Schneider mit dem Titel „schlafen“ eröffnet.
Kuratiert von Jürgen Wesseler.