Altes und neues aus unserer Sammlung
Landschaften
27.06. – 29.08.1999

Die Weltausstellung in Hannover im Jahre 2000 steht unter dem Motto „Mensch, Natur, Technik“. Aber wird das gesellschaftliche Handeln heute wirklich von diesen drei Begriffen bestimmt? Zweifel sind angebracht. Der Titel scheint eher von einem schlechten Gewissen als von tatsächlichem Interesse getragen zu sein. Natur und Landschaft verkommen immer mehr zum teuren, dekorativen Ambiente mit dem Ziel der Steigerung der „Erlebnisqualität“ von „Wellnes-Parks“ oder Freizeitcentren, oder als Vorbehaltsflächen für Wohnbebauung oder Gewerbeansiedlungen. Aus diesem Grund spielen Landschaft und Natur in der zeitgenössischen Kunst seit der land art und der arte povera kaum noch eine Rolle. Allerdings besitzt die Darstellung der Landschaft in der bildenden Kunst des Abendlandes eine lange Tradition.
Ihren Ausgangspunkt nahm die künstlerische Wiedergabe von Natur, Raum, Licht und Luft, sowie die Verdeutlichung des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die erste reine Landschaftsdarstellung schuf Leonardo da Vinci, gefolgt von den Landschaftsaquarellen Albrecht Dürers und den Zeichnungen der Donauschule. Hierbei handelte es sich um Vorstufen einer Landschaftsmalerei, die sich im 17. Jh. zu einer selbstständigen Kunstgattung entwickelte. Ausgehend von einigen in Rom tätigen Malern (Caracci, Domenichino, Elsheimer), welche die ideale oder die heroische Landschaft hervorbrachten, nahm zu jener Zeit Holland eine Sonderstellung ein und wurde wegweisend für die weitere Entwicklung (van Goyen, Rembrandt und Ruisdael). Im 18.Jh. wurden die Formen der Landschaftsmalerei des vorangegangenen Jahrhunderts weitergeführt, um zu Beginn des 19. Jh., der Zeit der Romantik und des Klassizismus, zu einer neuen Blüte zu gelangen. Stark gefühlsbetonte Darstellung, in denen die Natur zum Vermittler der Gefühle und Stimmungen des Menschen wird, prägen diese Epochen. Das 19. Jh. wird schließlich zum Jahrhundert der Landschaftsmalerei. Von der naturalistisch-idealistischen über die realistische Landschaft, die entweder die ideale Vorstellung bzw. eine Deutung und schöpferische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit beinhalten, geht gegen Ende dieses Jahrhunderts die Entwicklung zum Naturalismus. Nach dem Vorbild der Schule von Barbizon wird nun vor der Natur gemalt, die Natur um ihrer selbst willen dargestellt. Zunächst in Frankreich – seit 1830 – um 1870 auch in Deutschland (Leibl, Schuch, Trübner), ist die impressionistische Landschaftsmalerei als Reaktion auf die verkrusteten akademischen Kunstanschauungen nicht mehr aufzuhalten und erlebt ihren Höhepunkt um 1900. Die sozialen Gegensätze der Industrialisierung und die hieraus resultierenden politischen Folgen verlangten nach einer geistigen Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Realität, die Malerei des Expressionismus war darauf eine Antwort. Das Landschaftsbild als solches verlor nunmehr, mit dem Einzug der Abstraktion, für die Entwicklung der bildenden Kunst an Bedeutung, was jedoch keineswegs sein Ende bedeutete. Vielfältig sind die Beispiele in der Moderne, den Genius Loci der Natur zu erfassen, ihn aufzuzeigen, sich anzueignen, ihn darzustellen. Als Kunstrichtung am bekanntesten sind zweifellos die land art und die arte povera, in der sich die Künstler seit den ausgehenden 60er Jahren der Beziehung zwischen Mensch, Umwelt und Natur annahmen.
Zu diesem Thema, zum Thema „Landschaften“, hat der Kunstverein Bremerhaven rund 30 Exponate aus seiner Sammlung zu einer Ausstellung zusammengestellt. Ihr zeitlicher Rahmen reicht von der romantischen Malerei des 19. Jh. über die Worpsweder bis hin zur land art. Neben symbolhaft-stimmungsvollen Landschaften von Achenbach und Hummel stehen Bilder solch bedeutender Vertreter der ersten Worpsweder Künstlergeneration wie Paula Modersohn-Becker, Otto Modersohn und Fritz Overbeck für die Abkehr vom deutschen Naturalismus und die Hinwendung zum französischen Impressionismus mit einer eigenen Prägung zu einer lyrischen Landschaftsmalerei. Ein Bild mit expressionistischer Haltung von Dora Bromberger stellt eine Verbindung zur Moderne her, als deren Zeugnis Fotoarbeiten und Zeichnungen von Hamish Fulton, einem, mit und neben Richard Long, der wichtigsten Vertreter der land art, einen eigenen Schwerpunkt bilden. Surreale Stadtlanschaften von Michael Bach und Arbeiten von Ilya Kabakov vervollständigen das Spektrum der künstlerischen Darstellung des Themas „Landschaften“.

Kuratiert von Jürgen Wesseler.