Lewis Baltz
Fotografie
12.11. – 10.12.2006

Der amerikanische Fotograf Lewis Baltz vereinigt mehrere Paradoxa in seiner Arbeit. Seine Fotografien zeigen Blicke in die Strukturen von Gebäuden und Landschaften, in die Relationen von Kultur und Natur, Konstruktion und Zerstörung sowie Technologie und menschlichem Begehren. In den Schwarz-Weiß-Zyklen der 1970er und 80er Jahre prospektieren Detailansichten und Überblicke spezifische Orte. Die meist zu wandgroßen Blöcken angeordneten Fotografien wechseln zwischen serieller Reihung und Leerstellen, so dass geradezu eine Intensivierung der Rezeption erreicht wird. Doch bei all den, eine einheitliche fotografische Methode vermeidenden Perspektiv- und Ausschnittwechseln und trotz aller knisternden Präzision der Abbildung gerät Lewis Baltz paradoxerweise das Medium Fotografie nie zum Instrument einer Ästhetisierung oder gar Heroisierung des Gegenstands. Gus Blaisdell spricht anlässlich der Fotografien des Zyklus’ »Park City« (1981) von »skeptischen Landschaften«. Die Arbeiten von Lewis Baltz hüllen sich in eine Unnahbarkeit, die der gegenwärtigen Vorliebe für großflächige Farbfotografie mit ihrer oftmals romantizistisch verklärten Unschuld der Natur widerspricht, in-dem sie sich aus der Quelle der Skepsis speist.
Weder in den Zyklen über kulturell verwüstete Landschaften, wie »Candle Stick Point« (1988) und »Near Reno« (1986), noch in dem späteren in der Galerie Thomas Zander präsentierten Zyklus »Sites of Technology« (1989-92) lässt sich eine kritische Rhetorik finden. Diese Fotografien erzeugen mit ihrer scheinbar objektiven Dokumentation einen Sog in der Wahrnehmung, aus dem eine Irritation werden kann, die davor bewahrt, in eine Feier dieser Bilder zu verfallen. Sie verharren – und genau das setzt sie von anderen ab – in ihrem Zeigen auf der Schwelle zwischen engagierter Reportage, vermeintlicher Kulturkritik und kaltem Starren. So paradox es erscheinen mag, Lewis Baltz konnte vermutlich nur mit einer gleichzeitigen Involviertheit und Distanz die Portraits dieser amerikanischen Orte auf-nehmen. Dort findet sich entweder nur noch Müll – vom Verkehr überrollt, zerschossen, verbrannt, zersetzt – oder die zerbrechlich rohen Konstruktionselemente von Gebäuden, die bereits eine Projektion von Ersterem aufscheinen lassen.
Diese Orte, so sehr sie auch mit kulturellen Resten und Erinnerungen angefüllt sind, scheinen sich in einem Zustand des kulturellen Außen zu befinden. Und wie der Philosoph Michel Foucault das »Denken des Außen« dort lokalisierte, wo es sich »außerhalb jeder Subjektivität aufhält«, um den Blick auf seine Grenze zu ermöglichen, erstarren die Bilder von Lewis Baltz auf dieser Schwelle, entfalten eine Leere, die, »kaum lenkt man den Blick darauf, alle unmittelbaren Sicherheiten schwinden« lassen. Die Bilder vermitteln den Eindruck einer sachlichen Klarheit, geben jedoch in keiner Weise eine Bedeutung des abgebildeten Gegenstands vor. Deshalb handelt es sich bei diesen Fotografien nicht um traditionell stimmungsvolle Landschaftsfotografie, jedoch auch nicht um ihre Gegenposition, jene – teils ironisch (Ed Ruscha), teils objektivistisch (Bernd und Hilla Becher) – konzeptuell ikonografischen Reihungen von Konsum- oder Industrieeinrichtungen.

Kuratiert von Klaus Becké.