Magarethe Hahner
Von der Evolution der Bilder
07.06. – 12.07.1998

Im Meer der Bilder, das uns heute umgibt und von uns selbst ständig vergrößert wird, scheint die Erinnerung daran verloren zu sein, daß jedes einzelne Bild wie eine Gedächtnisinsel aus dem Chaos der Zeit hervorgetreten ist. Aus einer Flut leerer Augenblicke rekonstruiert Magarete Hahner diesen Ursprung der Bilder, indem sie dem Prozeß unwillkürlicher Identifikation nachspürt, der eine Spur der Erinnerung in die Selbstvergessenheit des Gedächtnisses legen kann. Ihre Absicht ist, zu verdeutlichen was jeder schon weiß, ohne es zu wissen.
Der sich selbst verborgene Sinn bildlicher stilistischer Klischees, von Genres oder unbewußten Nachbildern wird nicht analytisch aufgeklärt, sondern intuitiv erfahrbar gemacht. Bestimmte inhaltliche Momente werden assoziativ aufgeschlossen und so mit anderen verknüpft, daß ihr Eigensinn in veränderten Zusammenhängen anders hervortreten und neu wahrgenommen werden kann.
Das Gedächtnis findet sich wieder in den Augenblicken der Identifikation, durch die das einzelne Bild zum Teil einer persönlichen Geschichte wird. Davon ausgehend eröffnet sich die Möglichkeit von weitergehenden Geschichten, die sich aus den Beziehungen der Bilder untereinander, aus den in ihnen identifizierten Inhalten selbst erzählen. Sie führen durch das einzelne Bild hindurch, daß diese Beziehungen bereits in sich, aus der Relation seiner verschiedenen Sprachebenen herstellt.
Das Porträt von „Gelb“, der in einer dieser Geschichten eine Hauptrolle spielt, vereinigt in sich die Triebkräfte von Geld, Scham und Hemmungslosigkeit, indem der gestische Ausdruck der Farbe, die metaphorische Dimension der Formwerte und die perspektivische Selbstbezüglichkeit des Augen-Blicks in ihrer Eigenständigkeit sich wechselseitig erhellen und dadurch zugleich über sich hinausweisen.
Der Bogen der Erzählung spannt sich von der Aufmerksamkeit, die das einzelne Bild als Intervention, als ästhetischer Eingriff in einer bestimmten Situation auf sich zieht und auslöst bis hin zur filmischen Abfolge und Bearbeitung einer Reihe von Bildern, deren innere Konstellation die offenen erzählerischen Assoziationen zusammenschließen. Schon das berühmte private „Bild über dem Sofa“ ist, so verstanden, ein Augenblick von weitergespannten und weiterzuspinnenden Geschichten, in denen sich die vertrauten Sinnzusammenhänge verwandeln.
Margarete Hahners Bilder entschlüsseln die überlieferten, scheinbar sicheren Inhalte allgemeiner Bedeutungsmuster, enthirachisiert und vereinfacht sie und codiert sie neu. Die Neucodierung der befreiten Bildtopoi erfolgt, vergleichbar einem psychologischen Apperzeptionstest durch unwillkürliche Zuordnung. Dabei werden die Bilder, wie die Kritikerin Katrin Bettina Müller einmal notiert hat, „nach ihrem emotionalen Gebrauchswert befragt.“
Wolfgang Siano

Die Ausstellung wird kuratiert von Anne Schmeckies.