Martin Liebscher
Liebscher Bros & Friends Martin Liebscher
23.11.2003 – 04.01.2004

Das Selbstbildnis hat eine lange kunstgeschichtliche Tradition. Seit Jahrhunderten versichern sich Künstler mittels dieses Genres der eigenen Existenz, reflektieren über Sinn und Zweck des Lebens und die Befindlichkeit ihres Seelenzustandes. Das ist nicht neu. Was aber ist von jemandem zu hal-ten, der sich gleich vielfach in einem Bild darstellt? Haben wir es mit einem schweren Fall selbst-verliebten Kreisens um die eigene Person zu tun? Wohl kaum.

Martin Liebscher ( * 1964 ) beginnt 1992, sich selber in den unterschiedlichsten Situationen abzulichten und die einzelnen Fotografien mit Hilfe des Computers zu einem Ganzen zusammenzufügen. Das Ergebnis sind seine Familienbilder. In jeder Arbeit vielfach dieselbe Person in immer derselben Kleidung an immer demselben Ort : Liebscher in der heimischen Küche, Liebscher im Anzug im Konferenzraum, mit kurzer Hose und Sonnenbrille auf einem Supermarktparkplatz oder mit Hawaihemd in Las Vegas. Doch statt massenhafter Uniformität, wie sie die Klone zunächst nahe zu legen scheinen, sieht sich der Betrachter den vielfältigen Mühseligkeiten eines Individuums gegen-über. Unabhängig voneinander geht jeder im Bild seiner Tätigkeit nach. Da wird in einer Goldmine gehämmert, gehoben und die verdiente Pausenzigarette geraucht, ohne sich von den anderen irritieren zu lassen. Da liegt ein Liebscher hingestreckt auf dem Küchentisch, während um ihn herum ein ganzes Arsenal von Liebschers sitzt, auf den Möbeln herumspringt, verwirrt im Raum steht oder sich die Hände wäscht. Hin und wieder sind auch Situationen auszumachen, in denen sich Personen aufeinander beziehen; wenn beispielsweise der eine Martin Anstalten macht den anderen Martin auf einen Felsbrocken zu ziehen. Hier fordert keine Musketierparole „ Einer für alle und alle für einen “, sondern hier steht jeder zunächst für sich ein. Und das ist schwer genug! Es wird eingelöst, was in der Realität nur unter Kraftanstrengung durchzuhalten ist. Niemand versteckt sich in der Masse oder lässt sich irre machen von den Argumenten der anderen. Die Arbeiten plädieren für eine Individualität, die sich nicht loskoppelt von der Gemeinschaft, sich ihr aber ebenso wenig anpasst. Hier ist jeder zunächst seine eigene Familie, bevor er sich zu einem Familienbild mit anderen zusammen-schließt.

Janneke de Vries über die Arbeiten von Martin Liebscher.

Kuratiert von Ralph Hinz.