Paloma Varga Weisz
WINDSBRAUT
21.10. – 18.11.2001
Der Kunstverein Bremerhaven zeigt Installationen und Zeichnungen von Paloma Varga Weisz. Mit der Ausstellung verabschiedet sich die Künstlerin aus Bremerhaven, wo sie ein Jahr als Stipendiatin des Vereins KUNST & NUTZEN gelebt hat. Paloma Varga Weisz, geb. 1966, hat an der Kunstakademie in Düsseldorf studiert, unter anderem bei Tony Cragg und als Meisterschülerin bei Gerhard Merz. Vor ihrem Studium hat sie eine Berufsausbildung zur Holzbildhauerin in Garmisch-Partenkirchen abgeschlossen. Die dort erworbene Fähigkeit der Holzschnitzerei nutzt sie für ihre Arbeit, in deren Mittelpunkt Holzskulpturen und Zeichnungen stehen. Mit der Holzschnitzerei greift Paloma Varga Weisz eine handwerkliche Technik wieder auf, deren Höhepunkt in der bildenden Kunst mehrere Jahrhunderte zurück liegt. Mit einer souveränen Leichtigkeit nutzt die Künstlerin die scheinbar antiquierte Arbeitsform, von der man vermutet, dass sie eigentlich für die Thematisierung zeitgenössischer Aspekte ungeeignet ist. Es ist jedoch nicht nur die Arbeitsweise, auch in der Formensprache der Figuren sowie in ihren regionalen Bezügen spiegeln sich historische Orte und Motive wider.
So überraschte sie die Besucher im Sommer bei einer Ausstellung im Kabinett für aktuelle Kunst mit einer bildhauerischen Interpretation des Märchenbildes „Waldfrau“ von Otto Modersohn. Vergleichbar zu dem Gemälde, auf dem eine Fee mit drei Wichteln in einem Wald dargestellt sind, schichtet sie im Kabinett zwei aufgesägte Baumstämme auf. Sie symbolisierten den Wald auf dem sie ihre Figuren, eine sitzende weibliche Gestalt und drei kleinere Figuren platzierte. Die Installation erschöpfte sich allerdings nicht in der Transformation des zweidimensionalen Bildinhaltes in eine dreidimensionale Form. Denn mit dem Gemälde verbindet sich auch eine Beziehungsgeschichte, auf die mit der Skulptur im Kabinett ebenfalls angespielt wurde. Spätestens an diesem Punkt öffnete sich die Installation für weitergehende Interpretationsansätze. Dieser Assoziationsspielraum, der sich trotz vielleicht erkennbarer Bezüge eröffnet und der durch eine starke sinnliche Präsens des Arbeitsmaterials Holz befördert wird, ist von der Künstlerin beabsichtigt und ist ihr wichtig. Ihren Arbeiten ist deswegen nicht zufällig eine erzählerische Haltung eigen, die sie wie das Bild, einen Teil einer Geschichte wirken lassen. Sie strahlen eine Ruhe aus, verleiten zum Nachdenken und besitzen eine ungewöhnliche lyrische Wirkung, die sie aus der Fülle der zeitgenössischen Kunst abhebt. Hierin liegt eine bemerkenswerte Qualität der Arbeiten von Paloma Varga Weisz. Bemerkenswert auch insofern, weil hinter dem stillen, friedlichen, ja harmonischen Erscheinungsbild der Zeichnungen und Installationen nicht selten Verletzung, Gewalt und Schmerz thematisiert werden. Doch die ungefassten Holzskulpturen tragen ihre „Last“ mit gesunkenem friedlichem Blick und majestätischer Haltung. In ihrer Entrücktheit haftet ihnen eine mystische Aura an, die wiederum an mittelalterliche Heiligenfiguren erinnert.
Eine raumfüllende Größe, neu für die Arbeitsweise der Künstlerin und zugleich eine Herausforderung für sie, sowie der Bezug auf den großen Raum der Kunsthalle sowie zur Küstenregion Bremerhavens sind auch Kennzeichen der Installation dieser Ausstellung. Der Kunstverein Bremerhaven von 1886 möchte sich in diesem Zusammenhang beim Deutschen Schiffahrtsmuseum be-danken, ohne dessen Unterstützung die Ausstellung nicht hätte realisiert werden können.
Zeitlich parallel zur Ausstellung in der Kunsthalle ist im Kabinett für aktuelle Kunst eine Ausstellung von N. Schmidt zu sehen. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich ein anderer Bremerhaven Stipendiat, der unlängst für seinen Beitrag auf der Biennale in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden ist. Wir freuen uns, das wir ein Werk von ihm in seiner dritten Ausstellung in Bremerhaven präsentieren können.
Kai Kähler
Kuratiert von Jürgen Wesseler.