Peter Wüthrich
Schöne Aussichten
12.11. – 17.12.2000
Peter Wüthrichs künstlerische Arbeit bezieht sich seit Anfang der 90er Jahre ausschließlich auf das Buch und damit auf ein Medium, das im Allgemeinen eher im Kontrast zur Arbeit eines bildenden Künstlers gesehen wird. Gegenüber dem festlegenden, fixierenden Charakter, der jedem Text strukturell eignet, steht die Offenheit eines bildkünstlerischen Verfahrens, das alphabetische Hierarchisierung und zeilenorientierte Linearität unterläuft. Tatsächlich erscheinen Bücher in Wüthrichs Werken in einer Form der Doppelgesichtigkeit, in der ihnen ihre Lesbarkeit und damit das, was konventionell ihre Funktion ausmacht konsequent verweigert wird, ohne daß dadurch ihr Buchstatus in Frage gestellt würde.
In vielfältigen künstlerischen Investigationen, bildhaft installativ, fotografisch und filmisch, umkreist Peter Wüthrich das obskure Objekt der Begierde. Dabei begreift der Künstler seine Bücher jenseits ihrer reinen Körperhaftigkeit vor allem als Persönlichkeiten, die etwas enthalten, was sie für sich behalten dürfen, und dadurch frei für eine Verwandlung in eine andere Realitätsform werden. Als monochrome Einzelstücke auf der Wand transformieren sich die Buch-Stücke zu Anspielungen auf monochrome Malerei, auf dem Boden angeordnet, werden sie zu unbetretbaren Farbfeldern oder zu mauer- und kubusartigen Schichtungen. Die größten Freiheiten gestatten sich die Bücher auf den Fotos: Sie kauern und hocken an Wegrändern und auf Bäumen, begatten sich zärtlich im grünen Unterholz oder schweben frei und ungebunden vor einem blaßblauen Himmel. Alle Realisationen sind fundiert von der tiefen Sehnsucht danach, die Welt nicht einfach als das zu nehmen, was der Fall ist, sondern sie zum Gegenstand einer transformierten Imagination zu machen, in der die Dinge zum Bild ihrer selbst und damit auch zum Bild ihrer potentiell unendlichen Möglichkeiten werden.
Wüthrichs Welt zeigt den Blick eines hellwachen, im Angesicht der heutigen Herausforderungen lebenden Romantikers, der uns auf eine immer wieder überraschende Weise zeigt, daß unsere Vorstellungskraft der perfekte Apparat zur Erzeugung einer anderen, verwandelten Realität sein könnte, wenn wir ihn nur entsprechend benützen würden.
Thomas Trümper
Kuratiert von Thomas Trümper.