Potpourri V
Neues und Altes aus der eigenen Sammlung
07.01. – 18.02.2001

Der Kunstverein Bremerhaven von 1886 gehört zu den Kunstvereinen Deutschlands, bei denen der Aufbau einer öffentlichen Kunstsammlung zu den satzungsgemäßen Verpflichtungen zählt. Diese Aufgabe wird mit dem Ziel verfolgt, die Exponate dereinst in einem Bremerhavener Kunstmuseum allgemein zugänglich zu präsentieren. Bis es soweit ist, lagert die Sammlung wohlbehütet und vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen im Archiv. Dies ist bedauerlich, denn dem Kunstverein ist es mit Geschick und Fachkenntnis über Jahrzehnte gelungen, aus der Fülle der Stilrichtungen und Kunstwerke Arbeiten der Künstler auszuwählen, die zu den wegweisenden ihrer Zeit gehören. Dies gilt auch und vor allem für die zeitgenössische Kunst.
Von Zeit zu Zeit gewährt der Verein allerdings der Öffentlichkeit einen Einblick in seine Sammlungstätigkeit. Dann werden unter dem Titel „Potpourri“ Neuerwerbungen im Kontext ihres Sammlungszusammenhangs präsentiert. Dabei ist der Titel Programm. Angesichts der Verschiedenartigkeit der Neuerwerbungen, ihrer unterschiedlichen Entstehungszeit und verschiedenen Stilrichtungen hat der Verein schon vor Jahren aus der Not eine Tugend gemacht und präsentiert neuere und ältere Arbeiten in einem bewußten Neben- und Miteinander, im Wechselspiel zwischen möglicher Beziehung und Konfrontation, eine Ausstellungsform, die in zwischen vielfach von renommierten Museen für ihre Dauerausstellung übernommen worden ist. In seiner fünften Potpourri-Ausstellung zeigt der Kunstverein rund 40 verschiedene Arbeiten, unter anderem von Kirsten Geisler, Gregor Schneider, Martina Klein, Andreas Slominski, Manfred Pernice und Ilya Kabakov, womit der Verein erneut seine glückliche Hand bei der Auswahl seiner Ankäufe unter Beweis stellt.
Dabei bilden die Arbeiten von Gregor Schneider (geb. 1969 in Rheydt), der demnächst Deutschland auf der Biennale in Venedig vertreten wird, einen neuen Sammlungsschwerpunkt. Der Ausgangspunkt des Werkes von Gregor Schneider ist der ständige Umbau seines Wohnhauses im nordrhein-westfälischen Rheydt. Von außen unsichtbar, wird das „Tote Haus Ur“ durch bauliche Veränderungen nach innen verdichtet. Der Künstler zieht Wände vor Wände, verdoppelt und verschiebt, hängt neue Decken unter alte, umbaut und verwandelt, schafft Zwischenräume und neue Räume, die den ursprünglichen zum verwechseln ähneln bis hin zum künstlichen Luftzug an einem Fenster. Dabei entstehen atmosphärisch aufgeladene Räume von klaustrophobischer Stimmung und solche von gerade zu zwanghaft anmutenden Harmonie. In Bremerhaven werden Fotoarbeiten und Objekte zu sehen sein.
Ein ganz anderes Sujet sind die Bilder von Martina Klein (geb. 1962 in Trier). Ihre Gemälde fallen zunächst durch ihre ungewöhnliche Form auf. Rechtwinklig ragt eine Farbfläche in den Raum hinein. Spielerisch nimmt die Künstlerin damit die Frage nach der Grenze zwischen Bild und Skulptur auf. Im Mittelpunkt steht jedoch die Malerei. Auf ihre Bilder trägt Martina Klein monochrome Farbflächen auf, die sich durch die rechtwinklig zueinander gestellten Rahmen aufeinander beziehen. Je nach Lichteinfall entwickeln die Farben eine erstaunliche räumliche Präsenz, während durch Reflexion weitere Farbfelder im Raum entstehen.
Einen Schwerpunkt bilden Kunstwerke von Andreas Slominski (geb. 1959 in Meppen). Von dem vielfach ausgezeichneten Künstler sind in der Ausstellung eine Reihe von Arbeiten zu sehen. Sie zeichnen sich durch ihr beiläufiges Erscheinungsbild und ihre Hintergründigkeit aus. Hinter dem unaufdringlichen Äußeren verbergen sich mit unter komplizierte Entstehungsgeschichten und die Arbeiten hinterfragen vordergründig Offenkundiges. Von den einen als zu intellektuell und typisch deutsch empfunden, finden andere die Arbeiten von Andreas Slominski genial. Zu den kontrovers diskutierten gehören sie allemal.
Vom Betrachter zum Akteur kann der Besucher bei der Computeranimation „Touch me“ der Künstlerin Kirsten Geisler (geb. in Berlin) werden. Die Künstlerin nimmt in ihrer Arbeit die Bemerkung von Marcel Duchamps auf, wonach es der Betrachter sei, der das Bild oder Werk schafft. In Kirsten Geislers Arbeit schafft der Betrachter sogar vielmehr. Gleich einem gerahmten Portrait tritt dem Besucher in Augenhöhe das Gesicht einer Frau mit einem unbestimmten, gleichsam übernatürlichen Lächeln entgegen. Durch den Titel wird der Betrachter zu einer Kommunikation aufgefordert, bei der er das Gesicht durch die sinnliche Berührung des Bildschirms zum Leben erwecken kann. Diese Motiv, einen Menschen durch eine Berührung zum Leben zu erwecken, ist eine Anspielung auf einen der ältesten Wünsche der Menschheit. Sie beinhaltet zugleich den Menschheitstraum Gott gleich etwas Neues zu schaffen, der sich in vielfältiger Form in der Kunst wiederfindet.
Neben diesen beispielhaft beschrieben Werken werden in der Ausstellungen Zeichnungen von Otto Modersohn, Grafiken von Ilya Kabakov, Objekte von Manfred Pernice, Lichtbilder von Paul Schwer sowie weitere Kunstwerke von anderen Künstlerinnen und Künstlern zu sehen sein.

Kai Kähler

Kuratiert von Jürgen Wesseler.