Stefan Wissel
Wohin gehst du wenn du mitkommst
24.06. – 05.08.2001
In einer Zeit immer größerer Beliebigkeit, Künstlichkeit, Wiederholbarkeit verlieren auch in der Kunst die traditionellen Gattungsbegriffe der Malerei, der Bildhauerei oder der Fotografie an Relevanz. Die Künstler der jungen Generation lassen sich immer seltener einzelnen Arbeitsformen zu-ordnen. Sie wechseln vielmehr zwischen den Techniken und kombiniert in ihren Ausstellungen Fotos mit Objekten, Installationen mit Videos oder Bilder mit Performance. Die Freiheit in der Wahl der Ausdruckstechnik geht mit einem inhaltlichen Wandel einher. Selten dreht sich die künstlerische Fragestellung noch um technikimmanente Aspekte, zumindest nicht mehr ausschließlich oder primär. Auch die Abarbeitung an einzelnen Kunstrichtungen oder deren akademische systematische Fortentwicklung hin zu einem eigenen Ausdruck bilden heute seltener den Antrieb zum künstlerischen Schaffen. Endgültig abgeworfen scheint vielmehr der akademische Dogmatismus, die Strenge, der Pathos und das Prinzipielle, das noch der Kunst der 70er und 80er Jahre angehaftet hat. Statt dessen scheint eine neue gedankliche Freiheit gewonnen, in der ein spielerischer, häufig ironischer Umgang mit gesicherten kunsthistorischen Positionen stattfindet. Die Arbeiten sind da-her nicht beziehungslos zur bisherigen Kunst, sondern im Gegenteil löst ein beziehungsreiches, im äußeren Erscheinungsbild leichtes und heiteres Spiel mit Anspielungen und Zitaten die einstmals strenge inhaltliche Beschäftigung mit einer Fragestellung, mit einem Thema in der Arbeitsweise ab. Die scheinbare Beliebigkeit, die sich beim Betrachter häufig mit dem ersten Raumeindruck einstellt, kontrastiert dabei in der Regel mit der Exaktheit, mit der die Arbeiten ausgeführt und ausgestellt sind. Stefan Wissel (geb. 1960) ist ein Künstler, bei dem die Einordnung in traditionelle Gattungsbegriffe schwer fällt. Seine Ausdrucksform ist vielfältig. Selten stehen seine Arbeiten nur für sich. Meist sind sie Anspielungen auf den Raum, die Umgebung, auf andere Kunstwerke oder Stilrichtungen. So beinhaltet bei Stefan Wissel eine Wandinstallation sorgsam arrangierter Farbstifte eine Anspielung auf die bunten Streifenbilder der konkreten Kunst.
Stefan Wissel ist somit ein Künstler, auf den die einleitend formulierte Veränderung in der Kunst zutrifft. Skulpturale Objekte, Installationen, Malerei, Arbeiten mit Farbe, Licht, Holz oder industriell produzierten Fertigteilen, Wortspiele, Raum- und Situationsbezüge kennzeichnen seine Arbeitsform und seine Werke. Stefan Berg, der neue Direktor des Kunstvereins Hannover schreibt dazu: „In gewisser Weise ähnelt die Arbeit Stefan Wissels der eines Fallenstellers. Der Künstler lockt uns mit Wahrnehmungsangeboten, hinter denen augenscheinlicher Klarheit sich ein ebenso fintenreiches wie komplexes Spiel entfaltet, das uns, wenn wir uns erst einmal darauf eingelassen haben, so schnell nicht wieder freigibt. Jegliche lautsprecherische Rhetorik ist den Entwürfen dabei fremd. Ihnen eigen ist eine zurückhaltende Lakonie und eine stille, inwendige Ironie, die nicht auf Plakativität, sondern auf die Geduld des zweiten Blickes setzt. In Wissels Welt existiert nichts Absolutes. Jede Behauptung verwirklicht sich nur im Zusammenhang mit einer Gegenbehauptung. Formale Reduktion koppelt sich an dezidiert sinnliche Inszenierungsmomente, solipistische Selbstreflexion entpuppt sich als Kehrseite komplexer Kontextabhängigkeit und hermetische Autonomie konkurriert mit narrativer Aufladung.“
Kuratiert von Ralph Hinz.