Tatjana Doll
Bier für Öl (Ein Blinder Passagier)
22.05. – 26.06.2005

Zu den Anekdoten der über 100-jährigen Ausstellungstätigkeit des Kunstvereins gehört die Geschichte von der Präsentation eines Reiterportraits des Kaisers Friedrich III in der Weihnachtsausstellung des Jahres 1896. Das Gemälde von Ferdinand Keller zeigte den Kaiser überlebensgroß. Es war, wie es im Jahresbericht des Kunstvereins heißt, flott und schwungvoll gemalt, und brachte, die herrliche Gestalt des Kaisers zur vollen Geltung. Doch leider war der Ausstellungsraum des Kunstvereins im damaligen Stadthaus neben der großen Kirche nicht hoch genug. Deshalb konnte das eindrucksvolle Werk nur präsentiert werden, in dem es schräg an die Wand gelehnt wurde. Vor großen Formaten und ungewöhnlichen Präsentationsformen hat sich der Kunstverein Bremerhaven somit nie gescheut, wenn es darum ging, der bildenden Kunst ein Forum zu geben. Jetzt kommt erneut Großes auf uns zu und Ungewisses noch dazu. Die Rede ist von der Ausstellung „Bier für Öl“ mit Bildern von Tatjana Doll und von einem blinden Passagier.

An sich zeigen die Bilder von Tatjana Doll vom Motiv nichts Ungewöhnliches. Die Künstlerin, die 1970 in Burgsteinfurt geboren wurde, in Düsseldorf studiert hat und heute in Berlin lebt, malt im Gegenteil meist alltägliches. Jeder Betrachter erkennt das Dargestellte und auch der Herstellungsprozess bleibt nicht verborgen. Die Spuren des Farbauftrages sind deutlich erkennbar. Schnell, großflächig und zügig erscheint die Oberflächenbehandlung. Nichts Geheimnisvolles umgibt das Motiv und die Malweise. Und doch stellt Tatjana Doll unsere Seh- und Rezeptionsgewohnheiten in Frage. Das beginnt bereits mit dem Ort der Präsentation. Natürlich ist eine Kunsthalle ein angemessener Ausstellungsraum für Kunst. Doch ist er es auch für die Bilder von Tatjana Doll? Nicht erst bei der Ausstellung in Bremerhaven stellt sich diese Frage. Mehr als einmal hat die Künstlerin ihre Werke ganz bewusst nicht im tradierten, gewohnten Kunstkontext ausgestellt, sondern an ganz an-deren Orten. Und dort, außerhalb von Galerien und Museen wirken die Bilder wie in ihrem natürlichen Habitat.

Doch nicht nur in der Präsentationsart stellt die Künstlerin gewohnte Formen in Frage. Auch bei ihren Formaten überwindet sie übliche Geflogenheiten. Dabei sind die Formate ihrer Bilder eigentlich gar nicht spektakulär. Sie sind weder gigantisch noch verzerrt. Es sind normale Leinwände auf Keilrahmen, gewöhnliche Rahmen, quadratisch oder rechteckig. Und vor allen Dingen passen die Formate zum Motiv. Gelegentlich übersteigern sie es, gelegentlich verkleinern sie. Auf jeden Fall ergibt sich aus der Verknüpfung von Motiv, Format und Ort etwas Ungewöhnliches. Die Darstellung des Alltäglichen wird durch die künstlerische Transformation in ein zweidimensionales Bild zum Irritierenden. Dabei handelt es sich nicht um eine Spielerei mit Perspektiven. „Es geht vielmehr um die Ikonisierung des Alltags, die Symbole der Stadt.“ (Wim Peeters)

Ach ja. Und dann gibt es ja auch noch den blinden Passagier. Mit diesem Begriff bleibt Tatjana Doll, wenn man so sagen will, im Bilde. Doch um wenn es sich handelt, offenbart sich erst in der Ausstellung. Diese wird durch die Stiftung Kunstfonds zur Förderung der zeitgenössischen bilden-den Kunst in Bonn unterstützt. Es erscheinen ein Künstlerbuch und eine Edition.

Kai Kähler

Kuratiert von Klaus Becké.